Was ist schlimmer als kein Smartphone?

Wir schrieben das Jahr 2007. Nur noch wenige Monate bis ich Siegen auf Nimmerwiedersehen verlassen würde (achja, was man so denkt, wenn man jung ist). Ich musste weg. Musste weg, denn Siegen war einfach zu klein. Die weite Welt rief und ich hörte ihren Ruf.

Gestern Abend schrieben wir das Jahr 2013. Nur noch wenige Monate bis Siegen für immer der Ort sein würde, an dem ich lebe (achja, was man so denkt, wenn man ein bisschen älter ist). Die kleine Welt rief und ich hörte ihren Ruf. Dieses Mal nahm ich allerdings mein Smartphone mit.

Zwar hatte ich 2007 ein Mobiltelefon, das man in Deutschland so unwiderstehlich Handy nennt. Modell: Nokia 3210. Ein wiki Blick sagt mir, dass das 3210 eines der erfolgreichsten Telefone aller Zeiten ist, zuerst verkauft im alten Jahrtausend: 1999. 2013 allerdings bin ich mit 4-Zoll-Telefon und 7-Zoll-Tablet ausgestattet. Am Tisch gestern Abend gab es niemanden ohne Smartphone. Und an den anderen Tischen an einem von Siegens Hot Spots, dem Café del Sol (gab’s das 2007 schon?), blitzten auch ständig die Bildschirme.

Am auffälligsten waren dabei Paare, die allein am Tisch saßen. Eines setzte sich uns gegenüber an einen Tisch, sie nahm wortlos die Karte, dann reichte sie sie wortlos rüber. Dafür nahm er kurz sein Telefon in die andere Hand. Die Wortlosigkeit wurde durch die kurze Bestellung bei der Kellnerin unterbrochen. Dann beugten sich beide über ihre Smartphones. Und für die nächsten zwei, zweieinhalb Stunden, bis sie gingen, habe ich die beiden kein Wort wechseln sehen.

Ob sie das trotzdem getan haben, ist schwierig zu sagen. Schließlich hatte ich auch ein Smartphone und ein Tablet, um die ich mich kümmern musste. Ach ja, und dann waren da noch die Leute, mit denen ich weg war. Fast vergessen.

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Auf Außenstehende aus dem letzten Jahrtausend würde die Szene gespenstisch wirken. Wie ein Stummfilm ohne Charlie Chaplin. Jeder und jede starrt auf das kleine Licht in ihrer Hand. Als ob ihr das den Weg zeigen könnte. Nur hin und wieder bewegen sich die Köpfe und Hände wie bei Marionetten. Jedes tiefgehende Gespräch wird unmöglich, ja vielleicht sogar jedes Gespräch überhaupt.

Diese Sicht ist wohl bekannt und wird weiter verbreitet. Aber natürlich liegen Smartphone/Tablet/Phablet oft auch einfach auf der Seite – außer bei den allerschwierigsten Fällen. Was am Griff zum Smartphone unterschätzt wird, ist das Gefühl, woanders sein zu können. Ein kurzer Blick und man weiß, was Freunde überall auf der Welt tun. Eine kurze Suche und man sieht, worüber gerade diskutiert wird. Ein kurzer Blick und man erfährt, dass der Gezi-Park in Istanbul schon am Samstagabend geräumt wird, obwohl das Ultimatum bis Sonntag lief. Ein kurzer Blick und die kleine Welt sieht etwas von der großen.

Heimat ist immer da, wo man gerade nicht ist, heißt es. Wenn das Smartphone Dich überall an einen anderen Ort transportiert, heißt das entweder, dass Heimat überall mitgenommen wird. Oder dass man nie wieder zu Hause ankommt.

Was ist schlimmer als Zugeparktwerden?

Die elektronische Tinte des ersten Blogeintrags war kaum getrocknet, da war in Siegen schon der Teufel los. Der Parkteufel, um genau zu sein.

Die Uni Siegen ist seit einigen Jahren auf kontinuierlichem Expansionskurs. Das man merkt man vor allem an den Parkplätzen, besonders an denen, die nicht existieren. Am beliebtesten sind deswegen Leute, die andere so einparken, dass man nicht mehr rausfahren kann. Wer bleibt nicht gerne freiwillig noch eine Runde im bunten Adolf-Reichwein-Gebäude, wenn sie oder er eben noch nach Hause wollten und es jetzt, verdammt noch mal, nicht können!

Um sich dagegen zu wehren, posten immer mehr auf Facebook in der Uni-Siegen-Gruppe Fotos der Parkteufel. Das ist nun aber mal eher in die Hose gegangen.

Eine Studentin postete ein Foto auf Facebook und beschwerte sich: Ich bin zugeparkt worden. Allerdings hatte sie sich vorher selbst in die Mitte von zwei Parkplätzen gestellt! Und außerdem war die Beifahrertür noch frei. Eigentliche Problemlösung also: Nicht beschweren und über die Beifahrertür einsteigen. Das wollte die Studentin aber nicht und rief die Polizei. Die riet ihr ebenfalls: Über die Beifahrertür einsteigen. Was sie auch irgendwann tat. Ob aus Einsicht, lassen wir mal dahingestellt.

Allerdings hatte sich da die FB-Diskussion schon verselbständigt. Antonia Rados, Chuck Norris, Sheldon Cooper, der Papst und Angie Merkel verschönern mittlerweile das FB-Foto. Eine fette Party im Parkhaus gab’s am gleichen Abend und mittlerweile gibt es sogar die passende Hymne zum Parkhauswunder vom Siegerland.

Was sagt uns das über Siegen? Es gibt wenige Parkplätze an der Uni. Und in Siegen ist das ein Grund zum Feiern. Hut ab, Siegen! Was ist also schlimmer als Zugeparktwerden? Siegen ist es auf jeden Fall nicht!

Die Memes gibt es bei electric-lemonade: http://www.electric-lemonade.de/blog/2013/06/14/the-park-knight-internet-wahnsinn-an-der-uni-siegen/

Und die Hymne zu den Ereignissen kommt von Daco Dean: https://www.youtube.com/watch?v=FTIr0IVtbus

Danke an Satthias Mott! Bleibt mir nur noch, Euch zu versichern: Während des Verfassens dieses Artikels wurde niemand zugeparkt.

Nachträge am 17. Juni: Mittlerweile hat sich auch Spiegel Online der Sache angenommen http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/student-aus-siegen-loest-massenparty-im-parkhaus-aus-a-906181.html

Und ein Video aus der Nacht hat Schlecky Silberstein auf YouTube ausgegraben (Danke an Felix!):

http://www.schleckysilberstein.com/2013/06/ausnahmezustand-in-siegen-eine-stadt-sucht-einen-falschparker/

Was ist schlimmer als verlieren?

Was ist schlimmer als verlieren? Jeder Siegener und jede Siegenerin kennt die Antwort auf diese Frage. Wer nicht ursprünglich aus dem Siegerland kommt, wird nach kurzer Zeit in Siegen auf den inoffiziellen Wahlspruch der Stadt aufmerksam gemacht: Was ist schlimmer als verlieren? Siegen. Wieso das? Ein Grund: Es regnet viel. Manche Leute sind nicht übermäßig gut gelaunt, und zwar öfters. Und wie wir seit dem Zensus wissen, ist Siegen keine Großstadt. Aber ist Siegen wirklich schlimmer als verlieren?

Die Frage einmal ernsthaft zu stellen, ist ungewöhnlich. Wieso stellt sich mir diese Frage? Und wer bin ich, dass ich diese Frage interessanter beantworten könnte als andere? Nun ja, ich habe schon einmal fünf Jahre in Siegen gelebt. Es regnete viel, ich war schlecht gelaunt und es war nicht gerade der Bär am Steppen. Deswegen hatte ich mir geschworen, nie zurückzukehren. Aber auf einmal ziehen mich die Liebe und ihre feste Stelle an einer Schule in Siegen zurück ins Siegerland. Siegen! Da habe ich doch schon mal fünf Jahre gelebt! Das muss doch reichen! So meine erste Reaktion. Obendrauf gab es eine Erkältung, die mich ins Bett warf und so zum Nachdenken zwang. Und da stellte sich mir die Frage, ist Siegen wirklich schlimmer als verlieren?

In der BBC-Neuverfilmung von Sherlock Holmes wird Watson in der ersten Folge aufgefordert, einen Blog über seine Erlebnisse in Afghanistan zu schreiben. Um seine traumatischen Erlebnisse als Militärarzt zu verarbeiten. Und wir wissen, was für spannende Geschichten daraus werden. Wieso also nicht ein Blog, um herauszufinden, ob meine Erlebnisse im Siegerland überhaupt traumatisch waren? Wieso nicht ein Blog für die Welt, die vielleicht etwas kleiner und enger ist als die große weite Welt? Wieso nicht ein Blog, damit der amerikanische Geheimdienst NSA auch mal was über Siegen liest? Und wieso nicht ein Blog für alles, was schlimmer ist als Siegen? Für mich heißt es, Siegen eine zweite Chance zu geben. Und ich hoffe, Siegen gibt mir auch eine zweite Chance.

Übrigens: Wer im Routenplaner von Google Maps die Strecke Siegen – Verlieren eingibt, bekommt eine gut einstündige Fahrt in den Süden Bonns angezeigt, mit dem schönen Ziel „NeueNachricht“. Geschätzte Spritkosten: 17, 30 Euro. Ganz ehrlich: Kann’s da so viel schöner sein?